Wir leben hier in einem Palast des
Materiellen Überschusses und suchen jeden Tag vergeblich nach dem
Glück. Es rinnt uns durch die Finger wie Sand. Was uns bleibt sind
klebrige Körnchen voll Glück, nur Schatten dessen, was wir eben
noch mit beiden Händen zu schöpfen versucht haben.
Ich kann nicht mehr. Ich halte es nicht
mehr aus, diese Heuchelei jeden Tag auf neue. Ich habe gelernt das
jeder Mensch es Wert ist geliebt zu werden - und ich stimme dem zu.
Ich habe gelernt das wir im Kern gute, achtenswerte Geschöpfe sind –
und auch dem stimme ich zu. Aber es ist nicht einfach sich das vor
Augen zu halten.
Es gibt Momente, und dies ist einer davon, in denen mich das ganze Übel, welches diese Welt ausmacht, schier an den Rand der Verzweiflung treibt.
Damit ich jeden Tag Essen kann, damit
ich ein Auto fahren kann und eine 100 Quadratmeter Wohnung haben
kann, damit ich die Schule besuchen konnte und jetzt arbeiten gehen
kann müssen jeden Tag auf neue Menschen elendig verrecken. Und damit
alle anderen in diesem Palast des Überflusses das auch tun können,
müssen ganze Bevölkerungsgruppen im Dreck leben und sterben. Der
Luxus der uns hier jeden Tag umgibt ist geschmiedet aus der
Verzweiflung, dem Blut und dem Elend anderer Menschen. Das geschieht
ganz direkt, z.B. wenn ich Kleidung kaufe die Chinesische
Billigarbeiter, die nicht viel mehr sind als Leibeigene, genäht
haben. Das geschieht indirekt, wenn ich in einem Supermarkt einkaufe
der Nahrungsmittel im Überschuss anbietet. Nahrungsmittel die
anderen Menschen dafür fehlen. Oder wenn ich Fleisch kaufe das von
Tieren stammt, die niemals das Sonnenlicht gesehen haben. Oder Milch
von Kühen die abgeschlachtet werden, 22 Jahre vor ihrem natürlichen
Tod, weil ihre Produktivität nachlässt. Gut, zumindest darüber
kann ich selbst entscheiden und habe die einzige Mögliche Konsequenz
daraus gezogen. Aber über das aller meiste kann ich eben nicht
entscheiden. Alleine dadurch das ich hier lebe trage ich dazu bei,
das dieses ganze elendige Getriebe weiterläuft – ein Getriebe das
geölt wird mit den Tränen von Eltern, die ihre Kinder an Hunger,
Krieg und Elend verloren haben.
„Wir laufen alle ganz gut im Getriebe
voll stummer Schreie, die keiner hört.“
FdZ
Das Leid umgibt mich mit jeder Faser
meines T-Shirts, mit jedem Stück Brot, mit jedem Atemzug den ich
mache sauge ich es auf. Diese ganze Welt ist so voll von Leid das ich
schreien möchte. Und mitten drin leben wir wie die Könige. Und
werden damit nicht einmal Glücklich. Man kann gar nicht so viel
essen, wie man kotzen möchte!
Und dann soll ich glauben das Menschen
in ihrem Kern gute Wesen sind. Das es „nur“ der Egoismus ist, der
ihre wahre, grundgute Natur überdeckt. In einer Welt die voll ist
von Ungerechtigkeit, Mord und Gewalt, einer Welt in der jeden Tag
Kinder totgefickt und Erwachsene zu Krüppeln geschlagen werden, in
so einer Welt soll ich ernsthaft glauben das wir GUTE WESEN sind?!
Und doch tue ich es. Das ist das
Paradoxe daran. Ich sehe die Welt mit klaren Augen, ohne den Vorhang
aus medialer Schönmalerei und konsumgeprägtem Stumpfsinn. Oder
zumindest erzähle ich mir das gerne. Vielleicht kann ich grade
deswegen an das Gute im Menschen glauben.
In meiner Religion wird das gute im
Menschen Buddha Natur genannt. Es ist der wahre Kern eines jeden
Lebewesens, gleichgültig von welcher Art es ist. Aber dieser Kern
wird überdeckt von einer dicken Schicht aus Ignoranz. Ignoranz
gegenüber dem eigenen Ich. Oder anders gesagt: Wir halten uns alle
für viel zu wichtig. Und weil wir das tun machen wir die Augen zu
vor Elend und Leid, Streiten wir und mit anderen um unsere Ehre,
unseren Stolz oder unseren Parkplatz. Jede negative Emotion kommt nur
daher: das wir uns selbst für das wichtigste Wesen auf diesem
Planeten halten. Und selbst wenn wir das nicht wollen: wir tun es
trotzdem. Auf einer Ebene die uns selbst nicht bewusst ist. Ich bin
da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Ich bin ein ausgesprochen großer
Egoist. Das ich versuche es nicht zu sein ändert an der Tatsache an
sich rein gar nichts.
Und weil wir alle Egoisten sind, finden
negative Gefühle einen Nährboden in uns. Angst, Hass, Stolz, Wut-
das alles ist nur der Gipfel. Egoismus manifestiert sich viel
subtiler. In kleinen Gedanken, die sich in uns festsetzen wie Zecken.
Das tragische daran ist das die aller meisten negativen Emotionen
sich auf in negativen Taten manifestieren. Wir lügen, wir morden,
wir stehlen. Jeder von uns. Und ob wir unsere Frau verbrennen weil
sie Fremdgegangen ist, oder Leichenteile von Tieren essen weil wir
glauben ein Recht darauf zu haben ist dabei zweitrangig. Tatsache
ist: wir handeln egoistisch und tragen dabei dazu bei, das die Welt
ist wie sie ist.
Aber unter dieser Schicht aus Egoismus,
unter diesem ganzen Weltbild das wir uns zurechtgebogen haben um uns
nicht mehr Elendig zu fühlen sind wir alle reine, gute, ja sogar
perfekte Wesen. Es ist wie ein Diamant der von einer dicken Schicht
aus Stein bedeckt in uns darauf wartet, freigelegt zu werden. Warum
ich daran glaube? Weil es der einzige Grund ist weiter zu kämpfen.
Weil ich sonst untergehen würde in dieser Welt aus Hass und Elend.
So bleibt ein kleiner Funken Hoffnung.
Ich habe etwa das ich ändern kann, ganz direkt. Nicht die Welt kann
ich ändern, diesen Moloch aus Leid und Tränen. Aber mich kann ich
ändern. Schrittweise, nur sehr langsam. Aber ich kann es. Ich kann
kämpfen darum nicht so zu sein wie ich niemals werden wollte. Ich
kann kämpfen darum auch an andere als an mich zu denken. Und das ist
es was mich weitermachen lässt. Es ist nur manchmal schwer mich
daran zu erinnern, wenn das Leid all zu offen zu Tage tritt.