Dienstag, 19. Januar 2010
Eine Nacht wie jede andere
Die Menschen laufen an mir vorbei. Ihre Blicke streifen mich, ihre Emotionen sind deutlich in ihren Gesichtern, deutlicher aber in ihren Augen zu erkennen. Ich lese in ihnen den Hohn, den Hass und die Angst, die sie bei meinem Anblick empfinden. Doch vor allem lese ich die Leere in ihrem Blick. Alles was sie fühlen empfinden sie abgestumpft, denn sie sind innerlich schon lange tot. Oder sie schlafen, nur darauf wartend, erweckt zu werden. An diesem Abend jedoch steht mir der Sinn nicht danach, sie zu erwecken aus ihrer Totenstarre- heute will ich ihnen ein wenig lauschen, bis mir der Sinn nach anderem steht.
Ich erreiche mein Ziel. Vor mir erhebt sich ein Palast aus Glas in die warme Luft, Trotzwerk der Menschen in dieser kalten Zeit. Belanglose Plakate zieren die glitzernde Fassade, auf ihnen die Idole aller Menschen abgebildet. Dorthin schauen sie auf und wünschen sich zu sein, wie jene, die dort abgebildet sind. Mich interessieren sie nicht, und so setzte ich mich an einen der freien Tische die zu dem kleinen, viel zu teueren Lokal vor dem Kino gehören und warte auf die Bedienung. Am Nebentisch sitzt ein reiches Pärchen, dumm und glücklich. Genau das wonach ich gesucht habe und so rücke ich ein wenig näher, um ihrem Geschwätz zu lauschen. Ein einzelnes Stück ihrer beider Kleidung hat wahrscheinlich mehr gekostet, als alles was ich am Leibe trage, inklusive Schmuck. Sie ignorieren mich erfolgreich, da Reichere, Menschen die weniger Geld haben als sie generell nicht interessant genug finden, um sich über sie aufzuregen. Sie, eine dümmlich aussehende Blondine mit aufgepumptem Busen, erzählt ihm gerade mit einem Glitzern in den Augen von dem tollen neuen Kleid, welches ihre Freundin sich gekauft hat, und dass sie jetzt unbedingt haben muss.
Als die Bedienung sich nach fünf Minuten an meinen Tisch stellt, hat er es ihr bestimmt hundertmal versprochen. Ich bestelle ein Bier und begutachte aus den Augenwinkeln die restlichen Gäste. Am anderen Ende sind drei Tische aneinander geschoben und eine Gesellschaft von allesamt über vierzigjährigen trinkt einen Schluck, bevor sie sich aufmacht, einen der kommerziellen Ergüsse unserer Zeit mit Dolby Digital und gigantischem High-Tech-Bildschirm zu bewundern. Ein alter Herr mit roter Nase prahlt gerade, laut genug, dass ich es deutlich verstehen kann, damit, dass er eben diesen kommerziellen Erguss schon fünfmal in eben diesem Kino gesehen hat. Der Rest der Gesellschaft nickt anerkennend.
Mein Bier kommt an und ich gedenke mit einem großen Schluck den 3,60 €, die ich für den Liter abgestandener, angewärmter Exkremente bezahlt habe. Ich drücke der Bedienung einen fünf Euro schein in die Hand und teile ihr mit, dass der Rest für sie sei. Ich genieße das gierige Blitzen in ihren Augen für einen Moment, ehe sie sich abwendet und die Bestellung des Nebentisches aufnimmt. Anbei bemerke ich dass, der Reiche Schnösel für seine Begleiterin bestellt- was wohl ganz rechtens ist, da er es wahrscheinlich bezahlen wird. Einen Augenblick mutmaße ich ob sie seine Ehefrau oder seine Geliebte ist, die sich Herren seiner Position zu halten pflegen, gehe dem Gedanken aber nicht nach.
Der Abend wandelt sich langsam zur Nacht. Das Essen kommt schnell, und die hell erleuchteten Straßen der Stadt werden ein klein wenig leerer. Ein Wind kommt auf und ich erhebe mich, das angetrunkene „Bier“ auf dem Tisch stehen lassend für einen kleinen Spaziergang durch die Straßen der Stadt. Erneut ziehen Leute an mit vorbei, dieselben wie schon zuvor. Nun, die Gesichter sind ein wenig anders, aber ihr Geist ist derselbe- genauso leer. Nach meinem kleinen Ausflug in die Welt des Belanglosen begrüße ich die herankommende Nacht wie einen alten Freund, den ich lange nicht mehr erblickt habe. Ich laufe durch die noch immer prall gefüllten Straßen der Stadt und lausche dem unregelmäßigem Atmen eben dieser. Mein Blick gleitet durch die Menschen wie durch Luft, denn er ist gefesselt von der Schönheit der nun eingekehrten Nacht. Hell erleuchtet sind die Gassen der Menschen, blitzend in Glanz und Glimmer. Auf einer der zahllosen Brücken, die in die Altstadt hinein führen, mache ich halt und lehne mich über das Geländer. Die Lichter der Straßen werden vom Fluss zurückgeworfen, der ruhig seines Weges zieht. Ich genieße diese Ruhe, sauge sie auf, wie ein Schwamm Wasser aufsaugt. Langsam beginne ich den Atem der Nacht zu hören, ruhig und klar. Nicht unweit fließt der Bach über ein paar Steine, und ich genieße das monotone Plätschern.
Ich wandere weiter, überquere die Brücke und wende mich der Altstadt zu. Altehrwürdige Fachwerkhäuser ragen über mir auf, der Himmel ist ein Meer aus Schwärze. Noch immer ist alles getaucht in das ebenmäßige Licht der Laternen, und in eben diesem Licht wandere ich bald eine Stunde ziellos durch die Stadt, betrachte die architektonischen Werke die bei Nacht eine ganz eigene Aura zu haben scheinen. An einer kleinen Seitengasse bleibe ich stehen. Dort ist das Licht der Laternen erloschen, wahrscheinlich einer Gruppe Betrunkener sei dank. Ich tauche ein in dieses Meer aus Schwärze und lasse mich überfluten von ihr. Hier ist die Welt der Tagesbewohner zu Ende und vollendet der Nacht gewichen, die kein elektrisches Licht braucht, um in all ihrer Schönheit zu glänzen. Als ich den Blick zum Himmel hebe, sehe ich zum ersten Mal an diesem Abend die Sterne. Das stetige klappern meiner Schuhsohlen verklingt langsam, ein letzter Widerhall in der Nacht, ehe sie mich ganz und gar umschlingt. Ich hülle mich in ihren schützenden Mantel aus Finsternis, schließe die Augen und lausche den fernen Geräuschen der Menschen, die in dieser surrealen Welt eine andere Bedeutung zu haben scheinen.
In der Ferne höre ich den Verkehr, Autos hupen und fahren, der Fluss ist als leises Echo am Rande meines Bewusstseins zu vernehmen- vielleicht ist es auch das Blut, welches mir in den Ohren rauscht. Ich verziehe meinen Lippen, selbst schwarz wie die Nacht, zu einem Lächeln und sehe mich um mit den Augen eines Schattens. Denn das bin ich hier, ein Schatten unter Schemen, ein Teil der Nacht. Ich bewundere die Finsternis die sich in den kleinen Ecken und Winkeln der Häuser festgesetzt hat, bewundere die Sterne und bewundere die Schönheit der Nacht an sich. Ein kalter Wind ist aufgekommen, aber es ist nicht seine Kälte sie ich spüre, sondern den Atem der Nacht, ruhig und gleichmäßig, wie er mir ein Lied singt. Ich atme mit ihr, werde der Wind, werde ein Stern unter vielen, werde was ich immer bin- ein Schatten. Ich spüre, wie die Finsternis sich wollig und warm in mein Herz schleicht und ich weiß, dass ich mit weit offenem Geist da stehe. Ich nehme in mich auf, was ich sehe, als ich weiter wandere. Die Straßen sind kalt und leer, denn die Stadt hat sich jetzt schon längst dem Schlaf übergeben und Atmet im Einklang mit der Nacht- ruhig und gemächlich. Die Straßen liegen da wie die blutleeren Adern eines Riesen aus Glas und Beton. Ich durchsteife sie alleine, und doch fühle ich mich einfach nur… glücklich. Leider reicht unser Wortschatz nicht aus um die Fülle an Emotionen zu beschreiben, um das absolute Glück in Worte zu fassen. Die totalitäre Liebe.
Lange wandere ich durch die Adern des schlafenden Ungetüms das bei Tag mit Leben gefüllt ist wie ein Bienenstock. Ich wandere durch den Stadtpark, sitze am Ufer des Flusses und betrachte die Sterne, wandere die Fußgängerzone auf und ab. Die Stadt gehört zu dieser Stunde mir, da sie eine einzige Bastion der Nacht geworden. Ich wandere immer weiter, staunend und glücklich über die Schönheit der Nacht.
Als der Schlaf mich zu übermannen droht und ich spüre, dass der Zauber der Nacht bald in hellem, blendendem Licht ersticken wird, lege ich mich vor ein Geschäft, hülle mich in meinen Mantel und schließe die Augen. In ein paar Stunden wird man mich wegschicken, wird mich verbannen aus der Tagwelt, denn ich bin keiner ihrer Bewohner. Irgendwie bin ich ganz froh, dass es so ist…
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