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Sonntag, 18. Dezember 2011

Warum ich nicht aufgebe


Wir leben hier in einem Palast des Materiellen Überschusses und suchen jeden Tag vergeblich nach dem Glück. Es rinnt uns durch die Finger wie Sand. Was uns bleibt sind klebrige Körnchen voll Glück, nur Schatten dessen, was wir eben noch mit beiden Händen zu schöpfen versucht haben.

Ich kann nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus, diese Heuchelei jeden Tag auf neue. Ich habe gelernt das jeder Mensch es Wert ist geliebt zu werden - und ich stimme dem zu. Ich habe gelernt das wir im Kern gute, achtenswerte Geschöpfe sind – und auch dem stimme ich zu. Aber es ist nicht einfach sich das vor Augen zu halten.

Es gibt Momente, und dies ist einer davon, in denen mich das ganze Übel, welches diese Welt ausmacht, schier an den Rand der Verzweiflung treibt.
Damit ich jeden Tag Essen kann, damit ich ein Auto fahren kann und eine 100 Quadratmeter Wohnung haben kann, damit ich die Schule besuchen konnte und jetzt arbeiten gehen kann müssen jeden Tag auf neue Menschen elendig verrecken. Und damit alle anderen in diesem Palast des Überflusses das auch tun können, müssen ganze Bevölkerungsgruppen im Dreck leben und sterben. Der Luxus der uns hier jeden Tag umgibt ist geschmiedet aus der Verzweiflung, dem Blut und dem Elend anderer Menschen. Das geschieht ganz direkt, z.B. wenn ich Kleidung kaufe die Chinesische Billigarbeiter, die nicht viel mehr sind als Leibeigene, genäht haben. Das geschieht indirekt, wenn ich in einem Supermarkt einkaufe der Nahrungsmittel im Überschuss anbietet. Nahrungsmittel die anderen Menschen dafür fehlen. Oder wenn ich Fleisch kaufe das von Tieren stammt, die niemals das Sonnenlicht gesehen haben. Oder Milch von Kühen die abgeschlachtet werden, 22 Jahre vor ihrem natürlichen Tod, weil ihre Produktivität nachlässt. Gut, zumindest darüber kann ich selbst entscheiden und habe die einzige Mögliche Konsequenz daraus gezogen. Aber über das aller meiste kann ich eben nicht entscheiden. Alleine dadurch das ich hier lebe trage ich dazu bei, das dieses ganze elendige Getriebe weiterläuft – ein Getriebe das geölt wird mit den Tränen von Eltern, die ihre Kinder an Hunger, Krieg und Elend verloren haben.

„Wir laufen alle ganz gut im Getriebe voll stummer Schreie, die keiner hört.“

FdZ

Das Leid umgibt mich mit jeder Faser meines T-Shirts, mit jedem Stück Brot, mit jedem Atemzug den ich mache sauge ich es auf. Diese ganze Welt ist so voll von Leid das ich schreien möchte. Und mitten drin leben wir wie die Könige. Und werden damit nicht einmal Glücklich. Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte!

Und dann soll ich glauben das Menschen in ihrem Kern gute Wesen sind. Das es „nur“ der Egoismus ist, der ihre wahre, grundgute Natur überdeckt. In einer Welt die voll ist von Ungerechtigkeit, Mord und Gewalt, einer Welt in der jeden Tag Kinder totgefickt und Erwachsene zu Krüppeln geschlagen werden, in so einer Welt soll ich ernsthaft glauben das wir GUTE WESEN sind?!

Und doch tue ich es. Das ist das Paradoxe daran. Ich sehe die Welt mit klaren Augen, ohne den Vorhang aus medialer Schönmalerei und konsumgeprägtem Stumpfsinn. Oder zumindest erzähle ich mir das gerne. Vielleicht kann ich grade deswegen an das Gute im Menschen glauben.

In meiner Religion wird das gute im Menschen Buddha Natur genannt. Es ist der wahre Kern eines jeden Lebewesens, gleichgültig von welcher Art es ist. Aber dieser Kern wird überdeckt von einer dicken Schicht aus Ignoranz. Ignoranz gegenüber dem eigenen Ich. Oder anders gesagt: Wir halten uns alle für viel zu wichtig. Und weil wir das tun machen wir die Augen zu vor Elend und Leid, Streiten wir und mit anderen um unsere Ehre, unseren Stolz oder unseren Parkplatz. Jede negative Emotion kommt nur daher: das wir uns selbst für das wichtigste Wesen auf diesem Planeten halten. Und selbst wenn wir das nicht wollen: wir tun es trotzdem. Auf einer Ebene die uns selbst nicht bewusst ist. Ich bin da keine Ausnahme. Im Gegenteil: Ich bin ein ausgesprochen großer Egoist. Das ich versuche es nicht zu sein ändert an der Tatsache an sich rein gar nichts.
Und weil wir alle Egoisten sind, finden negative Gefühle einen Nährboden in uns. Angst, Hass, Stolz, Wut- das alles ist nur der Gipfel. Egoismus manifestiert sich viel subtiler. In kleinen Gedanken, die sich in uns festsetzen wie Zecken. Das tragische daran ist das die aller meisten negativen Emotionen sich auf in negativen Taten manifestieren. Wir lügen, wir morden, wir stehlen. Jeder von uns. Und ob wir unsere Frau verbrennen weil sie Fremdgegangen ist, oder Leichenteile von Tieren essen weil wir glauben ein Recht darauf zu haben ist dabei zweitrangig. Tatsache ist: wir handeln egoistisch und tragen dabei dazu bei, das die Welt ist wie sie ist.
Aber unter dieser Schicht aus Egoismus, unter diesem ganzen Weltbild das wir uns zurechtgebogen haben um uns nicht mehr Elendig zu fühlen sind wir alle reine, gute, ja sogar perfekte Wesen. Es ist wie ein Diamant der von einer dicken Schicht aus Stein bedeckt in uns darauf wartet, freigelegt zu werden. Warum ich daran glaube? Weil es der einzige Grund ist weiter zu kämpfen. Weil ich sonst untergehen würde in dieser Welt aus Hass und Elend.
So bleibt ein kleiner Funken Hoffnung. Ich habe etwa das ich ändern kann, ganz direkt. Nicht die Welt kann ich ändern, diesen Moloch aus Leid und Tränen. Aber mich kann ich ändern. Schrittweise, nur sehr langsam. Aber ich kann es. Ich kann kämpfen darum nicht so zu sein wie ich niemals werden wollte. Ich kann kämpfen darum auch an andere als an mich zu denken. Und das ist es was mich weitermachen lässt. Es ist nur manchmal schwer mich daran zu erinnern, wenn das Leid all zu offen zu Tage tritt.